Josef Dvorak: Carl Kellner — deutsch

prä-Ordo Templi Orientis
Carl Kellner
Franz Hartmann
Theodor Reuss


                                   Carl Kellner
                                 von Josef Dvorak


             Carl Kellner legte eine Ursache zum Abholzen der Wälder

        Carl Kellner  war ein  Selfmademan, der  es, aus relativ einfachen
        Verhältnissen kommend,  durch  harte  Arbeit  und  Erfindungsgeist
        schaffte, einer  der grossen  Industriekapitäne der Donaumonarchie
        zu werden,  der auch international - auf dem gesamten europäischen
        Kontinent, in  England, ja sogar in Amerika - am kapitalträchtigen
        technischen Fortschritt beteiligt war.
        1850 in Wien geboren, hatte er in Privatlaboratorien den Beruf des
        Chemikers erlernt.  Ob er  je  an  Hochschulen  und  Universitäten
        studiert hat  - immerhin  nannte er  sich  seit  1895  Doktor  der
        Philosophie  -,   ist  ungewiss.   Meine  Nachforschungen  in  den
        Matrikeln  der   in  Frage   kommenden  Fakultäten  brachten  kein
        Ergebnis.  Durch   Bombenangriffe  im   letzten  Krieg  sind  auch
        Dokumente, die  in Familienbesitz  waren, verlorengegangen. Jedoch
        findet man in den Patent-Archiven Hunderte Akten über Erfindungen,
        die Carl  Kellner gemacht  hatte, vor  allem auf  dem  Gebiet  der
        Elektrolyse. Er war Elektrochemiker.
        Seine erste  Erfindung machte  er 1873,  also mit  23 Jahren,  als
        Angestellter seines  väterlichen Freundes,  des  Abgeordneten  zum
        österreichischen  Reichsrat   Eugen  Hektor  Freiherr  Ritter  von
        Zahony, der  eine Papierfabrik  in Görz im österreichischen, heute
        zu  Italien gehörenden Friaul besass. Kellner wirkte dort auch als
        wissenschaftlicher  Erzieher  der  Kinder des  Freiherrn.  Kellner
        unterlief in  der Fabrik  ein Fehler,  wodurch er  entdeckte, dass
        beim Kochen  von Holz  in einer  Sulfitlösung Zellstoff  entsteht.
        Diese Erfindung,  1882  als  "System  Ritter-Kellner"  patentiert,
        stellte die  Papier- und Zellulosefabrikation auf eine völlig neue
        Basis: auf  das Abholzen  der Wälder  und  die  Verschmutzung  der
        Umwelt, was  zu dieser  Zeit von  niemandem problematisiert wurde.
        1888 versandte  Kellner an  kapitalkräftige Interessenten in aller
        Welt  ein  "Promemoria",  in  dem  er  zu  einer  Kooperation  der
        nordamerikanischen Industrie  mit der Kärntner Forstwirtschaft mit
        dem Ziel  aufrief, "den  Weltmarkt für  Zellulose zu beherrschen".
        Die Errichtungskosten  für die  erste Fabrik  des neuen Typs wären
        sehr niedrig:  nur 3  Millionen Gulden, nach heutigem Wert etwa 50
        Millionen DM.  Kellner versprach  eine  "Superdividende  von  52,5
        Prozent".
        Ein  Jahr   später  gründeten  tatsächlich  der  Engländer  Edward
        Partington  und  der  Norweger  Oscar  Pedersen  mit  Kellner  die
        "Kellner-Partington Paper  Pulp Co.  Limd." in  Hallein mit  einem
        Kapital von  930'000 Pfund. Die heute noch bestehende Papierfabrik
        in Hallein  bei Salzburg  wurde gebaut,  wofür  die  Salzach  erst
        reguliert   werden    musste.   Weitere    Fabrikgründungen    und
        Lizenzvergaben in  alle Welt  folgten. Andere Erfindungen Kellners
        betrafen die  elektrolytische Erzeugung  von Chlor und Aetznatron.
        In  seinem  grossen  Wiener  Labor  betrieb  er  mit  kompetenten,
        darunter    akademischen    Fachkräften    die    Erfindung    von
        Quecksilberdampflampen, die Entwicklung bisher unbekannter Metall-
        Legierungen und  die Erzeugung künstlicher Edelsteine. 1904 folgte
        die Errichtung  der Zellstoff-Fabrik  in St. Magdalen bei Villach.
        Sie hat allerdings inzwischen pleitiert.


                   Franz Hartmann gab immer die kleinste Münze

        Carl Kellner  sah in  Dr. Hartmann, dem früheren engen Mitarbeiter
        von HPB, also der Madame Blavatsky, einen hohen rosenkreuzerischen
        Eingeweihten und  genialen Philosophen. Hartmann wurde von Kellner
        und dessen  Familie als ein lieber Freund behandelt. Er hat in der
        esoterischen Szene  Wiens eine  nicht unwichtige  Rolle  gespielt,
        denn er  war es,  der den kulturell einflussreichen Polyhistoriker
        Friedrich Eckstein,  einen  Freund  und  zeitweiligen  Mitarbeiter
        Sigmund  Freuds,   und  dessen  Frau,  die  Schriftstellerin  "Sir
        Galahad", in die Theosophie eingeführt hatte.
        Von Eckstein  erhielt der Schöpfer der Psychoanalyse Informationen
        über die  Yoga-Lehre. Seit  Juni 1886 war Eckstein im Besitz einer
        von HPB  persönlich signierten  Charter für  die Wiener  Loge  der
        Theosophen. Auch  Kellner war  mit Eckstein,  Spitzname "Mac Eck",
        befreundet. Beruflich  kamen beide aus derselben Branche: Eckstein
        hatte  die  Pergamentfabrik  seines  Vaters  in  Wien  geerbt  und
        ebenfalls Erfindungen  auf dem Gebiet der Papierchemie patentieren
        lassen. Hartmann  war stets in Geldnöten, er quartierte sich gerne
        bei Freunden  ein, die  dann für  ihn sorgen mussten. Eckstein bat
        darüber  geklagt.   Dem  wohlhabenden   Kellner  war   er   jedoch
        willkommen. Kellners  Witwe (sie  starb 1949)  erzählte gerne  von
        Hartmanns Sparsamkeit: Wenn Hartmann die Familie Kellner besuchte,
        kam er  nicht mit  einem Fiaker,  denn der  wurde von zwei Pferden
        gezogen, und  eine Fahrt war entsprechend teuer, sondern mit einem
        weit billigeren  Einspänner. Deren  Lenker waren  nicht  in  einer
        Innung organisiert,  welche die  Taxe fest  setzte.  Ihr  Fuhrlohn
        bestand darin,  "was der  Herr halt  so geben will". Wenn Hartmann
        sein Fahrziel  erreicht  hatte,  kramte  er  so  lange  in  seinen
        Manteltaschen, bis  er eine  Münze mit  dem kleinsten  Wert  fand.
        Diese überreichte  er dann  dem Kutscher  mit  einer  grossartigen
        Geste und  den Worten  "Hier haben Sie, guter Mann", worauf dieser
        im Gesicht  rot anlief  und eine  Serie von Verwünschungen auf den
        "notigen" Hartmann  niederprasseln liess.  Hartmann weihte  Kellner
        und dessen  Frau nicht  nur in  die Theosophie ein, sondern machte
        ihn auch  mit interessanten  Indern bekannt,  so mit  dem 1896  in
        Kellners Yoga-Büchlein  erwähnten "Mr.  Bheema  Sana  Pratapa  aus
        Lahore",   den    Kellner   und    Hartmann   auf   dem   Münchner
        Psychologenkongress mit  Yoga-Demonstrationen vorstellten. Kellner
        bezahlte nicht  nur  die  Reisespesen  und  Aufenthaltskosten  der
        Inder,  sondern  verschaffte  auch  seinem  Freund  Hartmann  eine
        Sinekure,  indem  er  ihn  zum  ärztlichen  Leiter  des  Halleiner
        Sanatoriums Lahmann  machte, wo  mit dem Kellnerschen Lignosulfit-
        Inhalationsverfahren Lugentuberkulose  und  Keuchhusten  behandelt
        wurden. Gustav  Meyrink soll  hier gekurt haben. Das Therapeutikum
        war ein  Nebenprodukt der Halleiner Papierfabrik. 1904, vor seiner
        Abreise  nach   Aegypten,  wo  er  Heilung  erhoffte,  sorgte  der
        schwerkranke Kellner  noch für die Edition einer Ehrenmedaille mit
        dem Konterfei seines Freundes Dr. Franz Hartmann.


                             Kellners "oral history"

        Kellner gehörte der Hartmann-Richtung der Theosophie an. Im Archiv
        in  Adyar  findet  sich  der  Name  Carl  Kellner  nicht.  Welcher
        Rosenkreuzer-Gruppe er angehört haben könnte, vielleicht ebenfalls
        einer Hartmannschen,  ist  mir  nicht  bekannt.  Er  hatte  jedoch
        Kontakte zu amerikanischen Rosenkreuzern.
        Was ich  jetzt sage, muss mit grosser Vorsicht aufgenommen werden,
        denn es handelt sich uni sehr schlecht bis gar nicht dokumentierte
        Vorgänge, um "oral history", der man glauben kann oder auch nicht,
        und um  Konjekturen, die  sich daraus ergeben. Auffällig ist dabei
        die oft  auftauchende Jahreszahl  1895. In  diesem Jahr  soll nach
        Angaben von  Theodor Reuss  Kellner die  Gründung einer  "Academia
        Masonica" vorgeschlagen  haben. Der  Name des  Projektes sei  dann
        über  Vorschlag   Kellners  ln  "Ordo  Templi  Orientis"  (O.T.O.)
        geändert worden.  Carl Kellner aber hatte nach Reuss sein okkultes
        Wissen von  einer amerikanischen  "Hermetic Brotherhood of Light".
        Ob und wie man Reussens Angaben glauben kann, ist umstritten. Herr
        König ist  in diesem  Punkt aus  guten Gründen sehr skeptisch. Ich
        bin hier  etwas optimistischer und möchte nicht ohne sehr triftige
        Gegenargumente vom  Überlieferten abweichen.  Freilich bin ich mir
        des Risikos  bewugt, dabel  ungewollt die Grenzen zur historischen
        Science fiction zu überschreiten.


                                  12 Uhr mittags

        1895 jedenfalls  wurde in  Philadelphia von Freeman B. Dowd, einem
        Nachfolger   des    Sexual-   und    Spiegelmagiers,   angeblichen
        Eingeweihten   der   Alewiten,   okkulten   Gegenspielers   Madame
        Blavatskys  und  Gründers  der  "Brotherhood  of  Eulis"  (id  est
        "Eleusis"), Paschal  Beverly Randolph  (1825-1875), der "Temple of
        the  Rosy  Cross".  wie  es  heisst  "wiedergegründet".  Dowd  war
        Mitglied  der"H.B.   of  L."  ("Hermetic  Brotherhood  of  Luxor")
        grewesen, als  deren Vorläufer  die "Brotherhood  of Eulis" gelten
        kann. Diese  Traditionslinie führt  bis zur  Gründung der Societas
        Rosicruciana in  Amerika 1908 und schliesslich zu Reuben Swinburne
        Clymer  (1878-1966)  und  dessen  Rosenkreuzer-Organisation.  Nach
        Sylvester Clark  Gould, dem  Mitbegründer der  Societas von  1908,
        kamen in  eben diesem jahr 1895 auf dem höchsten Gebäude in Boston
        unter klarem  Himmel zur  Mittagszeit zwölf  hohe Persönllchkeiten
        zusammen  und   riefen,  mit   den  Händen   nach  oben   weisend,
        dle"Hermetic Brotherhood of Light" ins Leben. Sie war mit der "von
        Luxor" zwar  nicht identisch,  ist  aber  auch  zut  Randolphschen
        Rosenkreuzertradition zu  zählen. Einer  von den Zwölfen soll, das
        findet sich bei Gould allerdings nicht, Carl Kellner gewesen sein.
        Ebenfalls 1895,  ich  sagte  es  schon,  legte  sich  Kellner  den
        philosophischen Doktortitel  zu. Im  selben Jahr begann er mit der
        Konzipierung seiner sogenannten alchemistischen Arbeiten.


              In Pressburg wartete der Zug immer auf die Freimaurer

        Nach Hartmann  und  der  "oral  History"  wurde  er  1873  in  die
        Grenzloge  "Humanitas"   im  damals   ungarischen   Ort   Neudörfl
        aufgenommen. Im  Nachruf "Emanuels"  (Hartmanns) auf  Kellner, den
        Bruder "Renatus",  in der  Oriflamme vom  Juni 1905 heisst der Ort
        "Neuhäusl". Die  Existenz sogenannter  "Grenzlogen"  ist  aus  dem
        Verfassungsdualismus der  Donaumonarchie nach  dem "Ausgleich" mit
        Ungarn 1867  zu verstehen.  Franz Josef  I., der Monarch, der 1848
        auf den  Thron der  Habsburger gekommen  war, regierte von 1867 an
        keinen zentralistischen  Staat mehr, sondern in Personalunion zwei
        Staaten, denen nur Aussen- und Finanzpolitik sowie das Heereswesen
        gemeinsam  waren:   das  Königreich  Ungarn  mit  einer  liberalen
        Verfassung   und    die    weiterhin    konservativ    verwalteten
        "cisleithanischen"    Gebiete.    Beides    zusammen    war    die
        "Ossterreichisch-Ungarische  Monarchie".   Auf   die   ungarischen
        Verhältnisse und  deren Vorbildwirkung  auf die  übrigen Telle des
        Reichs  setzten   auch  die   deutschsprachigen  Liberalen  einige
        Hoffnung, darunter  auch jene,  die eine Wiederzulassung der 1849,
        nach der  Einnahme des  aufständischen Wien  durch die Truppen des
        Fürsten   Windischgrätz,   verbotenen   Freimaurerei   anstrebten.
        Versuche, Logen  nach dem  österreichischen Vereinsgesetz von 1867
        genehmigen zu lassen, scheiterten jedoch zunächst an Paragraph 18,
        der den  Maurern untragbar  schien,  weil  er  die  Kontrolle  der
        Vereine  durch  staatliche  Kommissäre  verlangte.  Als  sie  sich
        schliesslich damit einverstanden erklärten, nutzte auch das nicht.
        Dagegen wurden  nach ungarischem  Vereinsgesetz die  ersten  Logen
        bereits 1868  in Pest  und 1869  in Oedenburg erlaubt. Deshalb kam
        man auf  die Idee (sie stammte von dem Schriftsteller Franz Julius
        Schneeberger), für  die österreichischen Brüder Logen knapp hinter
        der ungarischen  Grenze zu  installieren und in Oesterreich selbst
        ein angepasstes  Vereinsleben zu  führen.  So  erfolgte  nach  der
        Gründung am 9. März 1871 die Lichteinbringung der Loge "Humanitas"
        am 25.  Februar  1872  in  dem  heute  zu  Oesterreich  gehörenden
        Neudörfl in der Nähe der Wiener Neustadt. Als Carl Kellner 1873 in
        die Loge  aufgenommen wurde,  befand sich  diese gerade  in  einer
        schweren  Krise:   Viele  Brüder   waren  mit   dem   Stuhlmeister
        Schneeberger nicht  einverstanden. 1874  verliessen znvel  Gruppen
        von  Unzufriedenen   die  "Humanitas"  und  gründeten  neue  Logen
        ("Zukunft" und "Sokrates") im slowakischen Pressburg (Bratislava),
        das damals zu Ungarn gehörte. 1880 begann auch die "Humanitas" mit
        der Übersiedlung  nach Pressburg, das somit Hauptstadt der Wiender
        Freimaurerei  wurde.   Diese  Verlegung   bedeutete  eine  bessere
        Verkehrsbindung. Um  nach Neudörfl zu gelangen, musste man mit der
        Südbahn bis  nach Wiener  Neustadt fahren, von wo man mit Kutschen
        zum Logentempel gelangte. Das Zentrum von Pressburg jedoch war mit
        der Pressburger  Bahn, einer  Art elektrischer  Strassenbahn,  vom
        heutigen U-  und S-Bahnhof  Wien-Mitte aus nach einer Stunde Fahrt
        erreichbar. Diese  Linie gibt es leider nicht mehr. Ich kannte sie
        noch. In  Pressburg wartete der Zug bis nach Ende der Logenarbeit.
        Der  Kondukteur  gab  erst  das  Abfahrtssignal,  wenn  sich  alle
        Freimaurerbrüder in  dem für  sie reservierten  Waggon eingefunden
        hatten.
        Dass sich  Kellner der  Hochgrad-Maurerei zuwandte,  mag  mit  den
        Streitereien in  Neudörfl zu  tun haben.  Im Mitgliederverzeichnis
        von 1886  findet sich  sein Name nicht. Seine Memphis-Misraim-Loge
        war "Phönix  zur Wahrheit" im "Tale von Hamburg" [gegr. am 1. Juli
        1904, siehe Faksimile in König, Materialien zum OTO]. Nach dem Tod
        Kellners trennte  sie  sich  von  Reuss  und  trat  zur  regulären
        Grossloge über.


                  Zu Lebzeiten von Kellner keine Rede vom O.T.O.

        Nach der  Darstellung von  Reuss in  der  sogenannten  "Jubiläums-
        Ausgabe der  Oriflamme 1912"  trat Kellner,  nachdem er auf seinen
        vielen und  weiten Reisen  mit der "Hermetic Brotherhood of Light"
        in Berührung  gekommen war,  an Reuss mit dem Wunsch nach Gründung
        einer Art von "Academia Masonica" heran, "welche suchenden Brüdern
        die  Bekanntschaft   mit  allen   existierenden  Maurergraden  und
        Systemen ermöglichen  sollte".  Im  Laufe  der  Unterredung  liess
        Kellner  dann   diesen  Titel   fallen  und   "legte  Gründe   und
        Unterlagen", über  die uns weiter nichts mitgeteilt wird, "vor für
        Annahme der Bezeichnung 'Orientalische Templer'". Erst 1902 konnte
        Kellner's Idee  verwirklicht werden.  Jedoch (man staune!) von den
        "Orientalischen Templern"  ist keine  Rede mehr,  sondern was  das
        Licht der  Welt  erblickte,  war  das  angeblich  fallgengelassene
        Konzept einer  "Academia Masonica"  in Form  des  Memphis-Misraim-
        Ordens.
        Im schon  erwähnten Nachruf Hartmanns auf Kellner in der Oriflamme
        vom Juni  1905 wird  das Gespräch  Kellners mit Reuss im Jahr 1895
        überhaupt ganz  anders geschildert  -  nur  war  Reuss  zweifellos
        dabei.  Hartmann   wahrscheinlich  nicht.   Hartmann  stellt   von
        vornherein alles  auf Memphis-Misraim  ab und  meint, Kellner habe
        mit dem  "Frater Merlin",  also mit  Reuss, schon  1895 "den  Plan
        gehagt, die  alte Hochgrad-Maurerei",  in der  Kellner auf  seinen
        "weiten und  häufigen Reisen  in England  und Amerika die höchsten
        Grade und  Würden"  erworben  hatte,  "die  ein  Maurer  überhaupt
        erlangen kann",  "auch in Deutschland einzuführen". Aber erst 1902
        "wurde der  Plan in  die Tat  umgesetzt", als Kellner "im Dezember
        dieses Jahres  von Bruder  Yarker in  Manchester persönlich in den
        96. Grad  eingeführt und  zum Souveränen Ehren-General-Grogmeister
        unseres Ordens proklamiert" wurde. Punktum!
        Die von  mir eingesehene  Urkunde zu  diesem Vorgang  ist  am  27.
        Dezember, dem  Fest des  Evangelisten  Johannes,  ausgestellt  und
        bezieht sich  lediglich auf  den "Ancient and Primitive", also den
        mit dem  Misraim-Ritus vereinigten Memphis-Orden. Von einem O.T.O.
        ist in dem Dokument (ich habe es mehrmals sehr sorgfältig geprüft)
        keine Rede.  Mir ist  auch kein  anderes,  zu  Lebzeiten  Kellners
        ausgestelltes Dokument  untergekommen (Carl  Kellner starb  am  7.
        Juni 1905),  aus dem man eine O.T.O.-Gründung ableiten könnte. Das
        von Karl  R.H.  Frick  im  zweiten  Band  von  "Die  Erleuchteten"
        angegebene   Datum    "1.   September   1901"   ist   mir   völlig
        unverständlich. Wohin  ist also  der 1895  angeblich  von  Kellner
        gewünschte Name "Orientalische Templer" entschwunden? Dafür taucht
        bei  Reuss  in  der  "Jubiläumsausgabe  der  Oriflamme  1912"  die
        "Hermetic Brotherhood  of Light" wieder auf. Reuss schreibt, deren
        "rosenkreuzerische, esoterische  Lehren wurden  reserviert für die
        wenigen Eingeweihten des Okkulten Inneren Kreises. Die Erkenntnis-
        Stufen dieses  Inneren Kreises  von Eingeweihten  liefen  mit  den
        höchsten Graden des Memphis- und Misraim Ritus parallel" (gehörten
        also selbst  nicht zum  Ritus), "und diese 'Eingeweihten' bildeten
        den geheimen Stamm des Orientalischen Templer-Ordens".
        Aus allen  Unterlagen geht eindeutig hervor, dass Carl Kellner der
        Leiter des  "Okkulten Inneren  Kreises" war. Wobei nicht ganz klar
        ist, ob  es  auch  noch  andere  "Innere  Kreise"  gab,  etwa  die
        "Esoterischen Rosenkreuzer",  die offenbar  unter der  Leitung von
        Reuss standen.  Reuss hatte  ja behauptet,  dass  er  das  okkulte
        Wissen  unabhängig   von  Kellner  ebenfalls  aus  dessen  Quellen
        erhalten hatte,  wobei ich  an  die  Randolphsche  sexualmystische
        Rosenkreuzerei denke.  Die Anwerbung  geeigneter Leute  zu  diesen
        initiatischen Gruppen  oder "Erkenntnis-Stufen"  ging offenbar  so
        vor sich,  dass man  den Maurern verschiedenster Systeme, die alle
        im  vielgradigen  Memphis-Misraim  gesammelt  waren,  sagte:  "Die
        symbolische Arbelt,  die Ihr  in Euren  Ritualen leistet, ist noch
        nicht das  Wahre. Die  Symbole haben  eine sehr praktische okkulte
        Bedeutung, die  wir Euch  vermitteln können."  Dieses Wissen,  das
        wird immer  wieder betont,  kommt nicht  aus  dem  Memphis-Misraim
        seibst, sondern  "von aussen",  und es wird auch nicht im Memphis-
        Misraim selbst  weitergegeben, sondern  daneben. Es gab nur wenige
        Eingeweihte. Selbst  wichtige Hochgradinhaber  wussten nicht,  was
        sich hier abspielte.
        Doch hat  Emil  Adriányi,  der  mit  Reuss  verfeindete  ehemalige
        Grosssekretär von  Memphis-Misraim am  8.  September  1906  Rudolf
        Steiner "nach  gründlichem Studium"  der drei  Riten  (Schottisch-
        Cerneau, Memphis, Misraim) brieflich mitgeteilt, dass zwar der aus
        diesen Riten  bestehende "Orden  von Reuss" selbst keine "Übungen"
        kennt, Reuss  aber nach  angeblicher Rücksprache  mit Kellner  die
        Übungen "eines von ihm ausgewählten inneren Schülerkreises mit dem
        jetzigen 'A.Pr.Ritus'  verquickt" hat. "A.Pr." bedeutet "Ancient a
        nd Primitive".  Es ist  der Memphis-Ritus,  nicht der von Misraim!
        Öffentlich entpuppt  hat sich der Innere Krels erst 1906 durch die
        von Reuss  veröffentlichten Statuten:  in der  auf den  22. Jänner
        datierten englischen "Constitution" und den mit dem Datum 21. Juni
        1906  versehenen  deutschsprachigen  "Allgemeinen  Satzungen"  des
        O.T.O. Schliesslich taucht in jenem Edikt von Reuss, durch das die
        drei Riten (Schottischer, Misraim, Memphis) in Deutschland "ab 24.
        Juni" getrennt werden, in der grossen Titulatur von Reuss auch die
        Bezeichnung "Souveräner  Ordensmeister der Orientalischen Templer-
        Freimaurer" auf.  Und dem  christlichen Datum  A.D. 1906  ist  das
        templerische A.O. (d.i. Anno Ordinis) 788 beigefügt.


                       Steiner übernimmet den Misraim-Ritus

        Ostern 1906 war Rudolf Steiner von Reuss erlaubt worden, in Berlin
        "ein Kapitel  und einen  Grossrat der  Adoptionsmaurerei unter dem
        Namen 'Mystica  aeterna' zu  gründen". Den  Ritua, in  dem  Rudolf
        Steiner  in   Deutschland  "selbständiger   Amtierender   General-
        Grossmeister" ist,  nennt Reussens Schreiben vom 15. Juni 1907. Er
        ist Misraim,  nicht der  laut Adiányi  mit den  ominösen "Übungen"
        verquickte Memphis-Ritus.  Dieser verbleibt  bei Reuss, der nun im
        Briefkopf  auch   "Order  of   Oriental  Templars   and   Esoteric
        Rosicrucians" stehen  hat [Faksimile  in König, Der Grosse Theodor
        Reuss Reader].
        In den "Allgemeinen Satzungen" des O.T.O. ist zu lesen, dass unter
        diesem Namen  "ein internationaler  Verein re-organisiert  und re-
        konstitutiert" worden ist. Welcher Verein ist gemeint? Die Antwort
        (ich zitiere  aus der  mir vorliegenden  Monte Vérità-Fassung  der
        "Constitution" von  1917: Es  ist  "The  Hermetic  Brotherhood  of
        Light".  Jedoch:   "The   totality   of   the   degrees   of   the
        O.T.O.consitute an  'Academia Masonica'".  So schliesst  sich  der
        Kreis, in  dem Rudolf  Steiner nicht  enthalten ist,  und es  auch
        niemals war.


                     Kellner ais "geistiger Vater" des O.T.O.

        In  seiner   Kritik  des   1914  erschienenen   Winkellogen-Buches
        erinnerte Reuss  den Autor  Eberhardt  daran,  dass  bereits  1905
        rechts neben  der Eingangstür  von Reussens  Haus  in  Berlin  ein
        Messingschild  angebracht   war  mit  der  Aufschrift  "Souveränes
        Sanktuarium des  Ordens der  Orientalischen Templer".  Auch in den
        Erinnerungen der  Nachkommen Carl Kellners kommt ein Messingschild
        vor, das  sich auf das "tantrische Geheimnis" bezogen haben und an
        der Villa  von Kellners  Frau auf der Wiener Hohen Warte befestigt
        gewesen sein  soll. Im Nachlass Kellners konnte ein solches Schild
        trotz eifriger  Suche nicht gefunden werden. Ich erspare Ihnen und
        mir weitere  Spekulationen. Aus  dem bisher Gesagten ziehe ich den
        Schluss, dass  man Carl  Kellner als  "geistigen Vater" des O.T.O.
        ansehen kann.  Aber oft  tun die  Söhne nicht  das, was  der Vater
        wollte. Und  ob Reuss  alles richtig  verstanden und nicht manches
        missverstanden hat,  steht auf  einem  anderen  Blatt.  Jedenfalls
        verteidigte Reuss  noch in  seinem Testament vom 20. Dezember 1922
        seine "von Dr. Carl Kellner mir überlieferten Lehren".


                           Yoga durch Körperanstrengung

        Sicher ist, dass Carl Kellner Yoga lehrte. Als Yoga-Experte war er
        auch in  wissenschaftlichen Kreisen nicht unbekannt. So nannte ihn
        William James  in einer  Fussnote seines  Buches "The Varieties of
        Religious Experiences"  von 1902  "an European  witness" für Yoga.
        James kommt  der Verdienst  zu, die  Religionspsychologie  populär
        gemacht  zu   habens  wobei  er  die  Annahme  eines  spezifischen
        "religiösen  Gefühls"   ablehnte.  Seine  Theorie  der  religiösen
        Erfahrung  ist   von  der  einflussreichen  Chicagoer  Schule  der
        Religionswissenschaft  weiterentwickelt   worden.  Carl   Kellners
        besonderes  Interesse   galt  dem   Hatha-Yoga,  dem  "Yoga  durch
        Körperanstrengung".  In  der  Theosophie,  angefangen  von  Madame
        Blavatsky selbst  bis zu  Kellners Freund  Franz  Hartmann,  stand
        Hatha-Yoga in  einem sehr schlechten Ruf. Man sah in ihm "schwarze
        Magie".   Die    schwierigen   Körperstellungen   des   Hatha-Yoga
        erforderten eine  gute athletische Ausbildung. Der hatte sich Carl
        Kellner  bei   dem  damals   "stärksten  Mann   von   Wien",   dem
        international  renommierten   Keulenschwinger  Georg  Jagendorfer,
        unterzogen, der  in der  Wiener  Innenstadt  eine  Athleten-Schule
        betrieb, in  der neben  dem Keulenschwingen auch der Ringkampf und
        das Boxen gelehrt wurden. Kellner erwarb derartige Kräfte, dass er
        es angeblich sogar mit "Bierabträgern" aufnehmen konnte, mit jenen
        Männern, die  schwere Fässer  von den  Brauerei-Fuhrwerken abladen
        mussten. In seinen Villen liess Kellner Gymnastikräume einrichten,
        wo Jagendorfer  ihm und  seinen Kindern  Privatunterricht gab. Der
        Umgang  des   "Herrn  Doktor"  mit  dem  Athleten  war  leutselig.
        Jagendorfer durfte  sich nach  jeder Privatstunde in der Küche der
        Familie Kellner  ein ganzes  "Backhendel" und  eine  Flasche  Wein
        genehmigen.
        Das Interesse  für Athletik  war um  1885 aus  Amerika und England
        nach Österreich  gekommen, zunächst  nach Prag.  Doch bald  gab es
        auch in  Wien einige  Vereine für  "englische Athletik", von denen
        der  vornehmste  der  "Wiener  Athletiksport-Club"  war,  mit  den
        Mitgliedern Kellner und Jagendorfer und geleitet vom Chefredakteur
        der  Allgemeinen   Sport-Zeitung,  späteren  Wiener  Stadtrat  und
        Parlamentsabgeordneten Victor  Silberer (geb.  1846), einem Freund
        Kellners. Victor  Silberer und  Carl Kellner  betrieben  auch  den
        Reitsport. Victor  Silberer gilt als Österreichs Luftfahrtpionier:
        1885 gründete  er die  "Wiener Aeronautische  Anstalt",  1901  den
        "Wiener  Aero-Club".   Sein  Sohn   Herbert  stellte  Weiten-  und
        Höhenrekorde  mit   Ballons  auf.  Herbert  Silberer  (1882-1923),
        Freimaurer und  Psychoanalytiker, der sich - parallel zu C.G. Jung
        - mit  der Erforschung  von Mystik,  Alchemie, Hermetischer Kunst,
        Rosenkreuzerei und  Okkultismus befasste, war kurze Zeit mit einer
        Tochter Carl  Kellners verlobt.  Über das  von Kellner  als grosse
        Hilfe für  die Atemübungen  des  Yoga  geschätzte  Keulenschwingen
        sagte  Victor   Silberer:  "Dieses   kräftigt,  wie   sonst  keine
        Spezialübung, die ganze Brust, es befördert grossartig die Atmung,
        steigert beträchtlich  in  durchaus  gesunder  und  ungefährlicher
        Weise die  Lungen- und Herztätigkeit, weitet den Brustkorb, stärkt
        dessen ganze  Muskulatur, kurz,  es verschafft dem Körper des viel
        Sitzenden gerade jene Anregungen und Bewegungen, deren er dringend
        bedarf."


                               Hatha-Yoga-Praktiken

        Das ist  also ein  guter Ausgleich zu den Sitzhaltungen des Hatha-
        Yoga. Ich  nenne als Beispiel Siddhasana, den "vollkommenen Sitz",
        von dem  es in  der Hatha-Yoga-Pradipika  heisst: "Eln  Yogi,  der
        zwölf Jahre hindurch massvoll isst und den Atman bedenkt, immer im
        Siddhasana  sitzt,   erlangt   die   Vollendung."   (I,   40)   Im
        "vollkommenen   Sitz"    werden   "drei   Verschlüsse"   (Bandhas)
        durchgeführt: Der  Halsraum wird  dadurch verschlossen,  dass  das
        Kinn langsam  und entspannt  zur Brust hin abgesenkt wird, was den
        Blutdruck niedrig hält. Fersendruck gegen den Damm verschliest den
        Rumpf von  unten und  regt den  Blutkreislauf  an.  Der  "mittlere
        Verschlug" hebt  den Bauchbereich mit dem Zwerchfell leicht an und
        bewegt ihn  zur Wirbelsäule  hin. So kann der "gezügelte" Atem bei
        stabilisiertem Rumpf  zu weiteren  Übungen verwendet  werden. Carl
        Kellner selbst  beschreibt in  seinem Büchlein "Yoga - Eine Skizze
        über  den   psycho-physiologischen  Tell   der   alten   indischen
        Yogalehre",  das   er  dem   III.  Internationalen   Kongress  für
        Psychologie 1896 in München gewidmet hat und das ich als Anlage zu
        meinem Satanismus-Buch  neu publiziert habe, als Beispiel "nur die
        so häufig erwähnte Padmasana (Lotus-Stellung)", und er hält solche
        Stellungen, die  "doch nur  von den  sogenannten Schlangenmenschen
        unserer Zirkusse  oder Varieté-Theater  ausgeführt werden  können"
        für uns  "Abendländer"  für  nicht  praktikabel  und  zitiert  den
        "weisen  Patanjali",   den  Autor   des  klassischen   Yoga-Sutra:
        "Stellung ist  die, welche  fest und  angenehm ist",  übrigens mit
        einer falschen Quellenangabe (Sloka 4 statt richtig Sloka 46). Ich
        sage das,  weil Kellners Text voller Druckfehler ist, der in einem
        Fall  zu   allerlei  tiefsinnigen  Spekulationen  über  versteckte
        sexualmagische Hinweise geführt hat. Merkwürdigerweise hat Theodor
        Reuss diesen  Druckfehler nicht bemerkt, sondern weitergeschleppt.
        Es handelt sich um den sechsten "Vayu", einen der zehn sogenannten
        "Winde",  die   für  die   verschiedenen  inneren   und   äusseren
        Körperfunktionen verantwortlich  gemacht werden.  Im Yoga-Büchlein
        und bei  Reuss  heisst  dieser  Wind  "Napa"  und  "vollzieht  die
        Befruchtung". Im  Abschnitt "Mysteria  Mystica Maxima",  so heisst
        der von  Aleister Crowley geleitete grossbritannisch-irische Zweig
        des O.T.O.,  auf S.22  der "Jubiläumsausgabe  der Oriflamme 1912",
        wird  Kellners   Yoga-Büchlein  zitiert   und   mit   den   Worten
        kommentiert: "Mit  den an sechster Stelle genannten Vayus Napa (im
        Reproduktionsorgan) beschäftigt  sich nun  die Sexual-Magie. Diese
        Übung wird die 'Transmutation der Reproduktions-Energie'" genannt.
        Den Begriff  "Napa" gibt  es jedoch  nicht. In  dem vom  Sanskrit-
        Gelehrten Rama  Prasad 1889  in Indien  für Madame  Blavatsky  ins
        Englische übersetzten  Kapitel des  tantrischen Shivagama  hat der
        Vayu den  Namen "Naga"  und verursacht  das Rülpsen.  Es gibt noch
        eine weitere  Unstimmigkeit: Bei Kellner "verursacht Krikara", der
        achte "Wind",  das "Niesen".  Im Shivagama hingegen "verursacht er
        das Hungergefühl". Ob abgesehen von dem Druckfehler - Kellner oder
        seine Quelle  falsch übersetzt  hat oder  eine  andere  tantrische
        Tradition vorliegt:  Nirgends findet  man bei  Carl Kellner selbst
        Hinweise auf  sexualmagische Praktiken unter Verwendung eines Vayu
        "Napa" oder"Naga".


                                Lebendig begraben

        Nur ganz  allgemein (in  seiner Definition  von  "Mudra")  spricht
        Kellner von  einer "Verdichtung  der Aufmerksamkeit  auf einen der
        genannten Vayus".  Kellner schrieb,  das Yoga-System mache "seinen
        wahren Jünger"  zu einem"guten, gesunden und glücklichen Menschen"
        und eröffne  ihm einen  grossartigen "neuen  Horizont".  Der  Yogi
        werde durch  Beherrschung seines  Körpers und  seiner Gedanken ein
        "Charaktermensch". Weil  er Triebe  und Neigungen  seinem auf  das
        Gute gerichteten  Wollen unterwirft,  werde er  eine  von  anderen
        schwer zu  beeinflussende "Persönlichkeit",  sei also "so ziemlich
        das Gegenteil" eines "Mediums". Allerdings war Kellner einer jener
        Experten, die  Yoga als  eine Methode  der "Autohypnose"  (längere
        Ausrichtung der  Aufmerksamkeit auf  einen Punkt)  interpretieren.
        Yoga, meinte  er, sei  "die durch  andauernde Übung  und geeignete
        Lebensweise     erlangte      Befähigung     zur     willkürlichen
        Selbsthervorrufung  aller   Erscheinungen   des   Somnambulismus".
        Psychologisch   handelt    es   sich    dabei   um    quantitative
        Bewusstseinsstörungen, Veränderungen  der Vigilanz, des Wachseins,
        mit den  Stufen Benommenheit,  Somnolenz, Sopor  und Subkoma-Koma.
        Die  yogischen   Entsprechungen  wären   Konzentration  (dharana),
        Kontemplation (dhyana)  und Versenkung  (samadhi). Damit  erklärte
        Kellner die  Trance-Demonstrationen von  Yogis, die  damals Europa
        bereisten.
        Einen von  ihnen, den besagten Bheema Sena Pratapa, hat Kellner in
        München vorgestellt  und nach  Oxford zu  dem berühmten  Professor
        Friedrich    Max     Müller,    Begründer    der    Vergleichenden
        Religionswissenschaften und Herausgeber der Reihe "Sacred Books of
        the  East",  weitergeschickt.  Kellner  erwähnt  auch,  dass  sich
        indische  Fakire  in  eine  "an  Scheintod  gemahnende  Lethargie"
        versetzen können.  Franz Hartmann,  der damit  vor dem  Hatha-Yoga
        warnen  wollte,   nannte  den  vom  englischen  Physiologen  Braid
        untersuchten und in der indologischen Literatur zitierten Fall des
        bengalischen Fakirs  Haridas, der  sich  in  einem  kataleptischen
        Zustand  (bei   extrem  herabgesetzter  Atem-  und  Herztätigkeit)
        zwischen 1828  und 1837 viermal lebendig begraben und nach vierzig
        Tagen wiederbeleben  lieg.  Der  letzte  Versuch  endete  freilich
        tödlich.  Haridas   wandte   die   in   der   Hatha-Yoga-Pradipika
        aufgezeichneten Techniken  "Kuh-Essen" und  "Hals-Verschluss"  an.
        Beim "Essen  der Kuh"  wird die  Zunge "verschluckt",  so dass die
        Luftröhre verschlossen  wird, und  das Absinken  des Kinns auf das
        Brustbein   zusammen    mit   willkürlichen    Kontraktionen   der
        Halsmuskulatur  reizt   jene  Nerven,   die  Atem  und  Herzschlag
        beeinflussen können.


              Kellners Stellung zu den verschiedenen Yoga-Praktiken

        Aus dem Text von Kellner geht hervor, dass er selbst kein Anhänger
        solcher "wahnwitzigen"  Methoden war.  Auch wollte  er sich in dem
        Büchlein als  Praktiker so  wenig wie  möglich zut Philosophie des
        Yoga äussern. So bewertete er auch nicht die dualistische Samkhya-
        Lehre, mit  der Patanjalis  klassischer  Yoga  verbunden  ist.  Im
        Garten seiner  Villa auf  der Hohen  Warte  in  Wien  befand  sich
        allerdings  eine   Grossplastik,  die  man  als  Denkmal  für  den
        Dualismus Natur-Seele (Prakriti-Purusha) deuten kann. Andererseits
        identifizierte er  sich (das  geht aus einigen Notizen hervor) mit
        dem  Monismus   der  vedischen   Atman-Brahman-Gleichung  und  des
        vedantischen Advaita.  Im Silberknauf seines Spazierstocks ist die
        heilige Silbe  OM einziseliert.  OM  ist  das  auch  von  Hartmann
        hochgeschätzte Wortsymbol  Brahmans  und  des  in  der  Versenkung
        (samadhi) zu  realisierenden  nichtkonditionierten  "Vierten"  und
        höchsten  Zustandes   (turiya)  im   Yoga;   das   ist   hellwache
        Aktiviertheit ohne  Ich-Erleben. Das Bewusstsein des Gesondertsein
        hört, wie  uns Carl Kellner belehrt, auf, und es werden "der Seher
        und das  Gesehene Eins" [P.R.K.: so wie auch Reuss berichtet]. Der
        von der  Theosophie zum  Unterschied  von  Hatha-Yoga  propagierte
        Raja-Yoga, "die direkte Vereinigung des Einzelbewusstseins mit dem
        Allbewusstsein",  liefert   "die  Suggestion   zu  diesem  selbst-
        induzierten somnambulen  Zustand, welcher dann, da das suggerierte
        Objekt  ein   erhabenes,  heiliges   ist,  von   unaussprechlichem
        Glücksgefühl begleitet ist".
        Von persönlicher  Bedeutung für Kellner war der in Patanjalis Yoga
        Sutra  nach   Unterdrückungs-Yoga,  theistischem  Yoga  sowie  der
        Samapatti-Meditation skizzierte  achtfache Pfad mit "Samyama", der
        Zusammenfassung der drei "inneren Yoga-Stufen" Dharana, Dhyana und
        Samadhi  (Konzentration,   Kontemplation  und  Versenkung).  Durch
        "Pratyahara",     der      willkürlichen     Beherrschung      der
        Sinneswahrnehmungen vorbereitet  (Kellner führt  als Beispiel  den
        Zustand eines  Hypnotisierten an,  dem suggeriert  wird, die  rohe
        Kartoffel sei  eine süsse  Birne), ist  "Samyana" im  Rahmen einer
        Mudra-Kombination,  also   verbunden  mit   Körperhaltungen,   ein
        vielleicht ursprünglich  schamanistischer Meditationsweg,  der auf
        den  Erwerb  von  Wunderkräften  (Siddhis)  wie  Unsichtbarwerden,
        Aufhören von  Hunger und  Durst, Vollkommenheit des Körpers, Macht
        über das  Gewordene, Meisterung  der Urmaterie  usw.  ausgerichtet
        ist. Allerdings  betrachtet laut Kellner der auf Erlösung bedachte
        "richtige Yogi" die Zauberkräfte sogar als störend.


                              Kellners Rückführungen

        In einem  handschriftlichen  Protokoll,  betitelt  "Reincarnation"
        (hinzugefügt sind die Ziffer 3 und die Pluralendung "en") gibt uns
        Kellner Einblick in eine seiner Sanyama-Obungen zut Rückführung in
        frühere Verkörperungen:  Wenn die  Sitzhaltung (Asana)  stetig und
        der Atem  gezügelt ist  (Pranayama), erscheint  (Pratyahara)  eine
        azurne Flamme,  die Kellner fixiert (Dharana) und in die sich sein
        Ich hineinbegibt (Dhyana). Im Samadhi schaut er in die Zeit zurück
        und sieht  sich, bekleidet  mit einem  gelben Mantel, auf dem Kopf
        eine  nach  vorne  gebogene  Mütze  (also  offensichtlich  in  der
        Gewandung eines  tibetischen Mönchs)  "in einer  der  grossartigen
        Sternennächte Chaldäas,  im alten  Babylon". Er  ist  verheiratet.
        Seine Frau,  "schlank, doch auch üppig geformt", ist in glitzernde
        Seidenstoffe  gehüllt.  Nun  ist  er  Priester,  "ein  Diener  der
        Schamaja", und  steigt auf den Turm, um seiner weiblichen Gottheit
        Feuer zu  opfern. Dieses  Feuer aber ist (an diesem Punkt beginnen
        sich die  visualisierten Objekte  aufzulösen)  identisch  mit  dem
        Licht der  Sterne, der  Sonne,  dem  Licht  seines  Lebens,  allen
        Lebens, des  Lebens der  Brüder und  Schwestern (es ist also keine
        reine,  sondern  eine  mit  Assoziationen  verbundene  Lichtschau)
        [P.R:K.: vergleiche  Crowleys Nuit].  Er spricht  "den alten Segen
        auf Aramäisch. Der Morgen dämmert". Kellner nannte sich "Renatus".
        Er schaute  sich auch  als Wiedergeburt  eines Platon-Schülers und
        eines Athleten.  Psychoanalytisch wäre der Aufstieg zum Feueropfer
        als ein sexuell-tantrischer Akt im Kundalini-Yoga zu deuten.


                  Er liess sich von Nattern in die Zunge beissen

        Im Yoga-Büchlein schreibt Kellner, dass Hatha-Yoga unter Umständen
        sehr gefährlich  sein kann.  Deshalb soll  die Sache "niemals ohne
        Anleitung eines  erfahrenen Führers  ('Guru' nennen ihn die Inder)
        versucht werden".  Als die  Gurus Kellner  werden immer wieder ein
        Araber und  zwei Inder  genannt, darunter  der besagte Bheema Sena
        Pratapa aus  Lahore, der  Im Yoga-Büchlein  erwähnt wird.  Bereits
        Gustav Meyrink  liess 1907 kein gutes Haar an diesen drei Männern:
        dem "unverwundbaren  Oberkellner Hadji Soliman ben Aissa aus Lyon,
        der sich  von harmlosen  Würfelnattern in die Zunge beissen lieg",
        "Pratapa, der  in Budapest seinen Atem zwei Stunden lang anhielt",
        und dem  "schwindelhaften Brahmanen  Agamya",  der  "in  Wien  und
        Berlin den  Schlag seines  Herzens und zugleich auch die Logik und
        Wahrheitsliebe   der   Zeitungsberichterstatter   zum   Stillstand
        brachte".
        Tatsächlich hatten  sich die  drei mit finanzieller Hilfe auch des
        wohlhabenden   Fabrikanten    Carl   Kellner    in   verschiedenen
        europäischen Städten  öffentlich produziert. Kellner, der sich oft
        geschäftllch in  Bosnien aufhielt,  war an  islamischer Mystik und
        dem Sufismus  sehr interessiert.  Das mag  seine Bekanntschaft mit
        Hadji Soliman erklären. Von Pratapa ist ausser einem Foto, das ihn
        mit Carl  Kellner zeigt  und  das  ich  demnächst  veröffentlichen
        werde, nichts überliefert. Agamyas Lehre ist etwas besser bekannt.
        Denn  er   hat  auf   drei  Reisen  zwischen  1900  und  1903  mit
        Wissenschaftlern in  Cambridge und Oxford Kontakt aufgenommen, und
        1905 in  London sein  Buch "Sri  Brahma Dhara  - Shower  from  the
        Highest", publiziert.  Der Oxforder Professor Friedrich Max Müller
        (1823-1900) nannte  Agamya im  August 1900  ehrfürchtig "the  only
        Indian saint  I had  ever known".  Was die zwei Inder demonstriert
        hatten, ist  im Yoga-Büchlein  als "Stufen  des Somnambulismus von
        der Somnolenz  aufwärts". d.h. bis zur Katalepsie, erwähnt und als
        "Nirvikalpa Samadhi  Stufe" bezelchnet  worden. Das entspricht der
        Auffassung von  Versenkung (Samadhi) als Yoga-Schlaf (Yoga-Nidra).
        "Nirvikalpa" ist  Versenkung ohne Bewusstsein seiner selbst, deren
        einzig mögliche  Sprache das  Schweigen ist.  Das zu  überwindende
        Vorstadium ist der glückselige Zustand des "Savikalpa Samadhi".
        Zu  den   Hindernissen   gehört   auch   "kashaya",   der   Zauber
        verführerischer  visionärer  Rückerinnerungen.  Kellners  Samyama-
        Meditation ist  erfüllt vom  Bild ("oh  wie schön!")  seiner Frau:
        "Ja, das  bist Du  - aus  diesem Auge  leuchtet die  gleiche liebe
        Seele." Angeblich  (die Behauptung  stammt von dem Ludendorffianer
        und Verschwörungstheoretiker  Jean Paar  aus dem  Jahr 1912)  soll
        Kellner gegenüber  Hartmann  gestanden  haben:  "Ich  mache  meine
        Übungen, komme  ein wenig in die Höhe und purzle dann um so tiefer
        wieder hinab.  Ich fürchte  die hütenden  Scharen." Hartmann  soll
        dies mit  dem Hinweis  auf Ikarus  kommentiert haben, "von dem die
        Mythe erzählt,  dass er  versucht habe, mit wächsernen Flügeln zur
        Sonne emporzusteigen. Aber die Flügel schmolzen, und er fiel." Das
        erinnert an  den bei  den damaligen  Esoterikern  beliebten  Roman
        "Zanoni" von  Bulwer-Lytton, in  dem die  Romanfigur Glyndon  (wie
        Kellner "an aspirant to the stars that shine in the Shemajá of the
        Chaldaean lore")  als Typus  die "unsustained  aspiration" mancher
        Okkultisten repräsentiert.


                                Agamyas Atom-Yoga

        Agamya war  fünf Jahre  älter als  Kellner, stammte aus dem Punjab
        und wirkte  als Richter  an Indiens  oberstem Gericht, bis er sich
        entschloss, Yogi  zu werden.  Er war  davon überzeugt, dass dieses
        Leben seine  letzte Inkarnation ist. Er praktizierte den Paramanu-
        Yoga (Atom-Yoga),  eine Spielart  des vedantischen Maya-Yoga. Nach
        dem Maya-vada,  der Lehre  des "Fürsten"  der  Vedanta-Philosophie
        Shankaracharya (etwa 800 n.Chr.) ist die Vielfalt der geschaffenen
        Welt lediglich  "Maya", zauberischer  Schein,  der  das  Eine  und
        Höchste (Brahman)  verhüllt. Sie  ist aber  auch  eine  Kraft  der
        Offenbarung des  Höchsten. Agamya  lehrte nun,  dass Maya  ein  Im
        Ozean des  Einen  schwimmender  Tropfen,  ein  selig  schwingendes
        Uratom ist,  aus dessen  Gärung immer  weitere Atome  hervorgehen.
        Deren Verklumpung bildet unsere räumlich-zeitliche "Realität", die
        jedoch nur  Schein ist.  Das  Atom  ist  ein  Speicher  ungeheurer
        Krifte, deren  sich der  Atom-Yogi auf  seinem  Weg  zum  Höchsten
        bedienen kann. Es sind dies die durch Samyama entbundenen Siddhis,
        wie z.B.  die Erinnerung  an frühere  Verkörperungen. Im Atom-Yoga
        wird das  Atom selbst  anvisiert (Kellners  "azurne Flamme").  Das
        höchste Ziel  ist jedoch  Nirvikalpa-Samadhi, die Involution aller
        Kräfte in  das Uratom  und das  Verschwinden der Maya im Ozean des
        höchsten Bewusstseins  (Brahmans). Die genauen Anleitungen für die
        Konzentration des  Yogi auf  die atomaren  Kräfte gab  Agamya  nur
        mündlich weiter  und  verbot  seinen  Schülern,  diese  publik  zu
        machen.


                        Kellner wurde feierlich verflucht

        Nach dem Bericht von Kellners Witwe kam es deshalb 1903 in Hallein
        zwischen  dem   Mahatma  und   Carl  Kellner   zu  einer  schweren
        Auseinandersetzung, an  deren Ende Agamya seinen Schüler feierlich
        verfluchte. Denn  Kellner hatte  Einzelheiten der  Yoga-Techniken,
        die zur  Erlangung von  Siddhis notwendig  waren  (Kellners  Witwe
        nannte ausdrücklich  die Lebensverlängerung), an seine "Brüder und
        Schwestern"  Im   Okkulten  Inneren   Kreis  "verraten".  Kellners
        Laborunfall, seine schwere Krankheit 1904 und sein plötzlicher Tod
        1905 wurden  von seiner  Witwe als Folgen dieses Fluchs angesehen.
        Reuss und  später Crowley dachten eher an eine yogische Krankheit,
        die  durch   stümperhafte  Anweisungen   des  nach  ihrer  Ansicht
        unfähigen "Gurus"  Agamya verursacht worden sei. Aleister Crowleys
        Hass auf den Mahatma kommt besonders deutlich in einem Bericht von
        Sam Hardy  (Colonel Fuller)  in Crowleys  Zeitschrift The  Equinox
        (September 1910)  zum Ausdruck.  Darin wird  ein Auftritt  "Seiner
        Heiligkeit" geschildert,  bei dem  der Meister  des Atom-Yoga eine
        äusserst schlechte  Figur gemacht  und lauter  Blödsinn  von  sich
        gegeben haben  soll. Daraufhin  habe Sam  Hardy den Guru in dessen
        hindustanischem  Dialekt  beschimpft:  "Chup  raho!  tum  suar  ke
        bachcha  ho!".  Meine  Übersetzung:  "Halt's  Maul!  Du  bist  ein
        verdammtes  Schwein!"   Nach  diesem   Insult  habe  diese  "666th
        incarnation  of   Haram  Zada!"   (ein  im   Islam  gebräuchliches
        Schimpfwort, das einen legendären teuflischen Menschen bezeichnet)
        zu toben begonnen und einen epileptischen Anfall erlitten.


                             Gerüchte um Kellners Tod

        Es wird  erzählt, dass  Kellner  in  seinem  Laboratorium  niedere
        geistige Wesen  an sich  zog  und  verschiedene  Spukerscheinungen
        hervorrief.  Es  handelt  sich  dabei  um  Legendenbildung.  "Fama
        crescit eundo" heisst es bei Vergil. An der Gerüchteproduktion hat
        sich der  schon genannte  Ludendorffianer  Jean  Paar  massgeblich
        beteiligt. Seine  Behauptungen in  dem Buch  "Weisse und  schwarze
        Magie" von  1912 wurden  immer wieder  zitiert. Vor  mir liegt ein
        Artikel aus  der Wiener  Sonn- und  Montagszeitung vom  4.  August
        1924, in  dem der  Verfasser Paar  seine Meinung wiedergibt, seine
        Mystifizierung Carl  Kellners  aber  auch  noch  an  zwei  anderen
        Punkten  festmacht:   An   der   Architektur   der   damals   noch
        existierenden Villa  auf der  Hohen  Warte  und  an  der  Meinung,
        Kellner  sel   ein  Alchemist   gewesen,  allerdings   "nicht  der
        richtige". Er "erlitt mit seinem Verfahren deshalb Schiffbruch und
        büsste  es   deshalb  mit   dem  Tode,   weil  ihm  die  geistigen
        Voraussetzungen zur  Alchimie im höchsten Sinne fehlten". Über die
        Villa heisst  es in dem Zeitungsartikel: "Wer heute die Hohe Warte
        hinanwandert, begegnet  einer seltsamen  Villa, deren  Giebel  und
        Firste mit  den geheimnisvollen  Zeichen  der  Kabbala  geschmückt
        sind.  Man   sieht  die   Ursymbole  der  Alchimie  und  die  vier
        apokalyptischen Tiere,  ein Schmuck,  den  bekanntlich  auch  eine
        kleine Pariser  Kirche aufweist.  In dieser  Villa oblag  Dr. Karl
        Kellner seinen mysteriosen Studien." Weiter heisst es: "Er schloss
        sich Tag  und Nacht  in sein  Laboratorium ein und magerte bis zum
        Skelett ab.  Sein Tod  war nichts  anderes als  die bittere Frucht
        seiner Bemühungen um das letzte Geheimnis der Alchimie." Der Titel
        des Aufsatzes  lautet: "Der  Goldmacher von  der Hohen  Warte, Dr.
        Karl Kellner  und seines  Assistenten geheimnisvoller  Tod und das
        Geheimnis der Alchimie".


                                Die Villa Kellners

        Wie die  Villa tatsächlich  ausgesehen hat,  zeigt  das  Foto  aus
        meinem Archiv.  Keine Rede  von vier  apokalyptischen  Tieren  und
        kabbalistischen Zeichen.  Man erkennt  zwei assyrische Sphingen an
        den   vorderen    Ecken   des   Flachdaches,   das   damals   eine
        architektonische Neuerung  darstellte. Rund um das Oberservatorium
        sind die  Tierkreissymbole angebracht.  Auf der  Mitte des  Firsts
        beeindruckt der  bärtige "Baphomet"  der Templer. Meines Erachtens
        ist dies eine Allegorie des menschlichen Geistes ("Ras el Fahmat",
        der "Nous poletikos" des arabischen Aristotelismus), der Sonne und
        Mond, Männliches  und Weibliches an sich kettet, sie im shaktisch-
        shaivitischen Hatha-Yoga  vereint. Dass es genau darum geht, zeigt
        auch die viersaitige Phorminx unter dem bärtigen Haupt. Sie schien
        im gezeichneten  Plan des  Architekten noch  nicht  auf  und  soll
        Shivas Vina  bzw. die  Harfe Kalis  darstellen. Darunter  befinden
        sich  sieben   kreisrunde  Scheiben:   Töne,   Planeten,   Farben,
        Prinzipien  im   Menschen.  Die  Architektur  stammt  von  Massimo
        Fabiani, Kompagnon  des Wiener  Stadtplaners Otto  Wagner,  Atman-
        Philosoph und Kellners Freund aus der Görzer Zeit.
        Die Villa  gehörte nicht  Carl Kellner selbst, sondern sie war ein
        Geschenk Kellners  an seine  um 14  Jahre  jüngere  Ehefrau  Marie
        Antoinette  (sie   identifizierte  sich   mit  der   gleichnamigen
        französischen Königin) aus der Triestiner Hoteliersfamilie Delorme
        ("von der  Ulme" -  bei den französischen Delormes war einige Zeit
        Baudelaire einquartiert).  Nach dem  Tod ihres heissgeliebten Carl
        verheiratete sich  Marie mit  einem um  17 Jahre jüngeren znveiten
        Mann, der  sie um  nur ein  Jahr und  neun Monate überlebte. Marie
        Kellner war  eine von  ihrem ersten  Mann geförderte  Malerin  und
        Fotokünstlerin. Als  Mitglied der  Memphis-Misraim-Frauenloge trug
        sie  eine  Brosche  mit  dem  Sphinx  vor  der  Pyramide.  In  den
        Adoptionslogen war  für jedes  weibliche Mitglied  ein  männlicher
        Freimaurer verantwortlich.  Bei Marie  war  es  selbstverständlich
        Carl. Auf der nicht sichtbaren Rückseite der Brosche befindet sich
        deshalb  das  Porträt  von  Carl  Kellner.  In  das  theosophische
        Meditationsbüchlein  seiner   Frau  schrieb   Kellner  eine  lange
        Widmung, in  der er die Liebe besingt. Sie selbst betonte in einer
        Notiz die Wichtigkeit des Willens für das spirituelle Leben.


                       Kellners alchemistische Experimente

        Carl Kellner,  der zwar  ein grossartiger  Erfinder war, aber kein
        kaufmännisches Talent  hatte, wurde 1903 von seinen Kompagnons als
        Fabrikleiter in Hallein abgesetzt. Er war jetzt lediglich Aktionär
        des Konzerns  und Chef  seines grossen  Wiener Laboratoriums,  das
        sich jedoch  nicht, wie immer behauptet wird, in der Villa befand.
        1903 übersiedelte  Kellner nach  einer Abschiedsparty  in Hallein,
        auf  der   ihn  Agamya   verfluchte,  nach   Wien  in   die   eben
        fertiggestellte Villa  seiner Frau,  wo er  sich ganz seinen Yoga-
        Übungen widmen  wollte.  Da  kam  es  im  Wiener  Labor  zu  jenen
        Unglücksfällen, bei  denen ein  Chemiker getötet  und Carl Kellner
        schwer verletzt  wurde. Das  hatte nichts mit Spukerscheinungen zu
        tun,  sondern   mit  der   Art  seiner  angeblich  alchemistischen
        Experimente. Kellner  hatte  nämlich  1895  und  1896  bereits  in
        Hallein  versucht,  Elemente  umzuwandeln  und  neue  Elemente  zu
        erzeugen, und zwar nicht in einem sanften und langsamen Verfahren,
        wie es  bisher in  der Alchemie  üblich war,  sondern unter  hohem
        Druck und elektrischer Hochspannung.
        Zur selben  Zeit machte in Amerika der Chemiker und Erfinder eines
        Sprengstoffes, Dr.  Stephen H. Emmens, einen ähnlichen Versuch. Er
        postulierte  ein   Basismetall  für   Silber   und   Gold   namens
        "Argentaurum" und  meinte, es  könne durch  Auflockerung zu Silber
        und durch starke Komprimierung zu Gold gemacht werden. Tatsächlich
        erzeugte er  1897 sechs  Barren einer  Gold-Silber-Legierung. 1899
        schrieb der  New York Herald darüber unter dem Titel: "Dleser Mann
        macht Gold  und verkauft  es an die Münze der Vereinigten Staaten!
        Ist Dr. Emmens ein moderner Rosenkreuzer?"
        Theoretisch hatte  sich Kellner  1881 in  Görz mit der "Entstehung
        der Arten  Im Anorganischen"  befasst. Der  Text dieser Studie ist
        leider verschollen.  Im Oktober  1896 übergab  er der Akademie der
        Wissenschaften zu Wien ein Manuskript "Experimenteller Beweis über
        die Verwandelbarkeit  der Grundstoffe"  mit einer  genauen  Skizze
        seiner Druckanlage.  In dem Text behauptet er, Materie und Energie
        verhielten sich wie elektrischer Strom von geringer Spannung, aber
        grosser Intensität,  zu einem  solchen von hoher Spannung mit sehr
        geringer Intensität.
        Am 24.  April 1902  benachrichtigte Kellner  die "hohe kaiserliche
        Akademie der  Wissenschaften zu  Wien" davon,  dass er  ein  neues
        Element mit dem Atomgewicht 100 erzeugt habe. Als österreichischer
        Patriot wollte  er es  "Austrium (At)"  nennen. Die  Gutachter der
        Akademie kamen  bei der  Analyse der eingesandten Proben zu keinem
        schlüssigen  Ergebnis.  Bei  meinen  Recherchen  in  der  Akademie
        stellte sich  heraus, dass  die Proben  des "Austrium"  nicht mehr
        vorhanden sind.  Carl Kellner  war sich  zuletzt selbst nicht mehr
        sicher, was  er  da  hergestellt  hatte.  Jedenfalls  waren  diese
        Experimente nicht  ungefährlich. In  Kellners Laboratorium  kam es
        häuflg  zu   Explosionen  und  zu  Vergiftungen  durch  die  dabei
        freigewordenen Chemikalien.
        Nach seinem  Laborunfall lag  Kellner längere  Zeit im  Spital und
        fuhr dann  mit seiner  Frau zur Erholung nach Ägypten. Einen Monat
        nach seiner  Rückkehr erlitt  er nach  einem arbeitsreichen Tag im
        Labor und  einem sehr  späten Abendessen einen Herzanfall. Nachdem
        er sich  noch selbst  Kampfer gespritzt  hatte, verstarb  er am 7.
        Juni 1905  um ein Uhr früh. Als Todesursache wurde "Herzlähmung in
        Folge chronischer  Eitervergiftung des  Blutes" konstatiert. Am 9.
        Juni wurde  der Leichnam  in einem  Prunkwagen der  Eisenbahn nach
        Hallein überführt  und in  der Familiengruft  auf dem Friedhof von
        Oberalm beigesetzt. 1907 wurde er jedoch exhumiert und im Münchner
        Krematorium eingeäschert.  Danach fand  die Urne  ihren  Platz  in
        einem Ehrengrab auf dem Halleiner Friedhof. [Fotographie König, in
        Leben für die Rose].
        Die Symbolik  des Grabschmuckes  entspricht völlig  der Reussschen
        O.T.O.-Ideologie. Reuss  hatte sich  offenbar auch  finanziell  am
        Grab beteiligt,  denn 1907  konnte keine  Nummer seiner  Oriflamme
        erscheinen.  Wichtigstes   Detail  an   dem  von   Wilhelm   Hejda
        künstlerisch gestalteten  Grab ist  ausser zwei  anbetenden Engeln
        auf einer  Art von Altarstein und dem Behang (Templerkreuz mit der
        Flamme  im   Triangel,  die   Tempelsäulen  Jachin  und  Boaz  als
        Obelisken) die  Ikone  eines  O.T.O.-Marienkultes.  Das  ist  eine
        Jugendstil-Madonna  ("Jungfrau  Maria",  "Maya")  als  Symbol  der
        freien Seele,  die das  Materielle (die  Mondsichel, auf  dem  sie
        steht) überwindet,  als Symbol  für die  mystische Hochzeit  (weil
        sich ohne  Seele der  Geist nicht  mit dem Körper verbinden könne)
        und als Symbol lebensbejahender Liebe: Maria mit dem Kind, das die
        Arme  in   Kreuzesform  ausstreckt   (die   ikonologisch   seltene
        "bogomilische" Positur)  und von  seiner Mutter  vor der Mitte der
        unteren Hälfte des Leibes gehalten wird.





The grave of Carl Kellner

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